045 Logbuch

abendrot

Freitag, 7. Januar 2022

Kurz nach 15.00 Uhr, Anker auf. Nachdem die Vorbereitungen bereits am Vormittag abgeschlossen waren können wir es nun ruhig angehen. Der Wind fängt so langsam an zu pusten und genau das ist der Moment auf den wir gewartet haben. Wir fahren an Karin und Reinhard vorbei, um ihnen einen schönen Aufenthalt in den San Blas Inseln zu wünschen und verlassen die Ankerbucht. Schön friedlich liegt es vor uns, das weite blaue Meer. Wir setzen die Segel und nehmen Kurs auf San Andres.

segeln-traum

Es wird wohl zeitweise auch ein Amwindkurs sein meint Oli, was mich so gar nicht begeistert. Mag ich es doch nicht gegen den Wind und die Welle anzukämpfen. Doch es kommt anders als gedacht. Also Oli liegt richtig. Wir segeln anfangs zwischen Halb- und Amwind in den Sonnenuntergang. Der Wind weht konstant und die Welle ist kaum vorhanden. Ein guter Zeitpunkt für ein kleines Abendessen.

Obwohl ich nur eine Suppe koche fühle ich mich etwas schwindelig, aber nicht seekrank. Das klingt doch mal vielversprechend: Keine Seekrankheit, keine Welle, konstanter Wind. Da sind wir doch mal optimistisch. Ich lege mich ein bisschen schlafen und Oli hält die Stellung bis zu meinem Schichtbeginn um 20.00 Uhr.

Pünktlich trete ich an und Oli legt sich aufs Ohr. Der Wind hat mittlerweile etwas aufgefrischt und die Welle ist nun auch spürbar. Wir segeln sicher mit 6 Knoten, was gar nicht so schlecht ist. Da der Wind die meiste Zeit von ca. 90° kommt, kommt es vor, dass immer mal wieder eine Welle gegen die Schiffswand klatscht. So gibt es im Cockpit einen leichten Sprühregen.

Bis ich schließlich an die Windfahne muss, um den Kurs ein bisschen zu korrigieren. Schon schwappt eine Welle über und landet mitten auf meinem schönen kuscheligen Pullover. Naja was soll‘s, der Schrank gibt ja noch etwas her und kann ja mal passieren. Die Schicht verläuft derweilen ohne weitere Vorkommnisse, zwar nicht komfortabel, da wir doch einiges an Wind haben, aber safe.

Doch dann muss ich Oli ein paar Minuten vor seiner Schicht wecken, Fischer um mich herum und der Wind lässt auch nicht nach. Ich fühle mich mulmig. Aber toi, toi, toi, nicht krank. Vor lauter Ausschau halten, Kurs kontrollieren, Fischer im Auge behalten ist mir noch gar nicht aufgefallen, dass Oli die Angel schon lange aus dem Wasser genommen hat. Oder war sie noch gar nicht drinnen? Ich weiß es nicht. Ich bin schon etwas erleichtert nicht auch noch gegen einen Fisch kämpfen zu müssen, wenn schon alles um mich herum schwankt wie in einer Schiffschaukel.

Aber nichts für ungut, ich bin entlassen. Nicht für immer, aber in meine Freischicht, es ist 23.00 Uhr. 3 Stunden schlafen, ich freue mich. Immer wieder wache ich vom Klopfen der Wellen auf. Oli berichtet mir, dass seine Schicht ruhig verlief, er las ein Buch und es gab keine weiteren spektakulären Erlebnisse.

Mittlerweile Samstag, 8. Januar 2022

So bin ich wieder an der Reihe. Kaum liegt der Kerl im Bett taucht direkt, aber wirklich direkt vor mir ein Licht auf. Mein Kopf sagt mir: Kollisionskurs. Und nachts bin ich nicht gut darin einzuschätzen wie weit das Licht entfernt ist. Was tun. Ich sehe ihn nicht auf dem AIS und das Radar hupt und blinkt schon die ganze Zeit wie wild, da überall Fischer unterwegs sind.

kreuzende-schiffe

Diese bevorzugen es oft ohne AIS zu fahren, um ihre Fischreviere den anderen Fischern geheim zu halten. Da ich in solchen Situationen immer etwas hibbelig werde wecke ich Oli und erkläre ihm die Situation. Die Antwort lautet: Weiter beobachten was passiert und schon schläft er wieder.

Na danke, immer in meiner Schicht muss etwas los sein. Nebenbei bringe ich noch ein paar Bändsel im Cockpit an, dass auch nichts verloren geht, beobachte, wie vom Skipper gesagt, das Licht regelmäßig, kontrolliere den Kurs, bin froh, dass es Nacht ist und ich die Wellen nicht sehen kann (ich denke sie sind hoch, verdammt hoch) und dusche immer mal wieder mit einem Schwall Salzwasser. Herrlich, eine Bootsfahrt die ist lustig, eine Bootsfahrt die ist schön…

Aber wie schon erwähnt, der Schrank gibt ja noch ein paar Klamotten her. Was ich allerdings nicht verstehe ist, dass ich immer versuche den trockenen Augenblick zu erwischen und genau das Gegenteil passiert. Immer genau dann, wenn ich im Cockpit stehe kommt die Dusche.

freischicht

Oli schläft derweil wie ein Murmeltier und lässt sich nicht stören, bis ich ihn wecke. Der Fischer fischt weiterhin genau in unserer Bahn. Gemeinsam managen wir die Situation, denn mittlerweile hat sich auch noch ein großer Frachter eingeschlichen der unseren Weg kreuzt und als unsere Bahn wieder frei ist darf Oli nochmal für ein paar Stunden ins Bett.

Ich habe den Dreh jetzt raus. Schon seit geraumer Zeit habe ich keine Dusche mehr bekommen, es scheint ich bin sauber genug. Den Kurs habe ich so angepasst, dass wir recht ruhig laufen und wir machen Fahrt! Was will man mehr. Ich bin immer noch froh, dass bei Dunkelheit alles nicht so gut zu erkennen ist und genieße einen wahnsinnigen Sternenhimmel mit Sichelmond. Es fasziniert mich wie toll die Sterne zum Vorschein kommen ohne die ganze Lichtverschmutzung die wir sonst um uns herumhaben.

05.22 Uhr und wieder wecke ich Oli. Dieses Mal zum Schichtwechsel und mit einiges an Kulanzzeit. Ich bin froh nochmal 3 Stunden schlafen zu dürfen. Doch dieses Mal ist es Oli der mich weckt. An der Windfahne hat sich etwas gelöst und Oli muss auf die Badeplattform.

Ich übernehme jetzt das Steuer und halte das Schiff auf Kurs. Das Problem ist schnell gelöst und ich darf weiterschlafen. Und schon höre ich den Skipper am Funk. Ein großer Frachter kommt uns ziemlich nahe und Oli vergewissert sich, dass dieser uns sieht. Scheint nicht der Fall gewesen zu sein. Doch die Brücke ist freundlich, Kursdaten werden ausgetauscht und der Frachter ändert seinen Kurs so, dass er uns achtern quert.

pinnensteuerung

Alles paletti und leider muss ich schon wieder aufstehen. Wie die Zeit vergeht und die Meilen auch. Während einer Überfahrt gibt es für mich zwei Dinge, die ich bevorzuge: Ausschau halten und schlafen. Oli beschäftigt sich zwischendurch mit lesen oder Film schauen. Jetzt bevorzugt er aber nochmal eine Stunde Schlaf.

08.00 Uhr morgens, ich gehe ins Cockpit, um mir einen Überblick zu beschaffen. Es zischt und es kommt angerollt, ich erkenne die Gefahr doch leider bin ich zu langsam. Viel Wasser, verdammt viel Wasser überspült mich von oben bis unten. Ich bin nass wie ein begossener Pudel. Jetzt habe ich aber genug, hier spielt doch einer ein Spiel mit mir. Ich werde jetzt einfach nichts mehr anziehen, dann kann auch nichts mehr nass werden.

Wenn ich schon mal nass bin kann ich mich gleich mit Süßwasserduschen und frisch in den Morgen starten. Die Welle hat sich ein bisschen beruhigt, der Wind auch. Ich frühstücke und wecke Oli.

Wir nehmen gemeinsam das Großsegel runter, da wir den Wind nun mehr von achtern (hinten) haben und schauen was passiert. Das mit dem Kurs klappt gut und wir machen noch immer 5 Knoten Fahrt. Oli sagt wir haben jetzt schon, und es ist gerade einmal 13.00Uhr, 1/3 der Strecke geschafft. Mal sehen was noch kommt.

Jetzt sitze ich hier und schaue den Wolkenbergen mit ihren weißen Schaumkronen zu. Achja, man sagt, dass jede 7. Welle höher ist als die anderen. Ob es wirklich immer die 7. ist das weiß ich nicht, aber nach einer gefühlten Riesenwelle die auch gerne mal querschlägt folgen im Normalfall einige, relativ gleich große, aber um einiges kleinere Wellen. Auch mal wieder ein Phänomen unserer Natur.

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Um uns herum ist nichts außer Wasser, Himmel und ein paar Wolken. Die Wellen kommen nicht konstant, sie kommen gefühlt kreuz und quer und schaukeln uns über den Ozean. Der Wind pfeift und lässt die Angelschnur Musik machen, sonst hört man nichts und es sind dieses Mal auch keine Vögel um uns herum. Ich sitze und warte und schaue und denke und träume.

Da fällt mir Bart ein mit seinem Cappuccino in der Hand. Das wäre ein guter Zeitpunkt um mit Tutti die Natur zu genießen bei einem Cappuccino und Apfelkuchen. Ich fühle mich zwar ok, aber das mit dem Kaffee und Kuchen verschiebe ich lieber auf die Ankerbucht.

Auch interessant: Vor unserem Reisebeginn haben wir immer wieder von erfahreneren Seglern gehört, dass man Lebensmittel die man gerne mag plötzlich auf dem Meer nicht mehr essen kann. Andere dafür umso besser. Und auch das kann ich bestätigen. Wenn ich heute nur an Nudeln denke wird mir gleich ein bisschen anders. Ich habe eher Lust auf Zwiebeln. Normalerweise sind es Tuck Kekse. Dieses Mal Zwiebeln und Wassermelone. Was ich mir noch am ehesten zu den Zwiebeln vorstellen kann sind Kartoffeln. Naja, mal sehen auf was es im Endeffekt hinausläuft.

Lieber lasse ich erst einmal noch die Zeit Revue passieren. Jetzt sind wir schon 3 Monate in Kolumbien. So vergeht die Zeit. Und wir haben 3 Monate Verlängerung bekommen. Ich bin gespannt wie viel Zeit wir auf San Andres verbringen werden. Und was es dort so alles zu erleben gibt.

Ich überwinde mich aufzustehen, schnappe mir Messer und Schneidebrett und bereite das Essen vor. Es gibt: Kartoffeln mit Zwiebeln und noch ein bisschen anderes Gemüse.

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Als Oli das Bett frei gibt und sich einen Tatort von 1800 Schlag mich tot anschaut nutze ich die Chance und springe für ein paar Minuten hinein. Der Tag neigt sich langsam dem Ende. Es ist bereits 17.00 Uhr als wir essen. Und die Nacht beginnt so, wie der Tag geendet hat.

Verrückt, auf einer Überfahrt gibt es nicht viel Unterschied zwischen Tag und Nacht. Einer kontrolliert den Kurs, hält Wache, der andere hat Freizeit. Da es zu windig zum Karten spielen ist und der Sprühregen immer wieder einsetzt verbringen wir viel Zeit Unterdeck.

20.00 Uhr Ortszeit und meine Schicht beginnt. Die Welle hat etwas nachgelassen, was das Ganze angenehm macht. Unser Kurs stimmt optimal und so kann ich eine ruhige Schicht antreten. Außer dem Sternenhimmel, ein paar Wolken und dem Sichelmond ist nichts zu sehen.

Auch Olis Schicht um 23.00 Uhr verläuft sehr ruhig und schon bin ich wieder an der Reihe.

Sonntag, 09.01.2022

Eigentlich bin ich noch müde. Leider zählt das nicht. Ganz am Ende meiner 2 bis 5 Uhr Schicht taucht ein Tanker im AIS auf, der Kurs auf uns nimmt. Das darf aber Oli dann in seiner Schicht beobachten, was er auch tut. Diese Mal kommt er ohne funken durch. Und schon ist wieder eine Nacht vorbei.

8.00 Uhr. Oli legt sich nochmal schlafen und ich räume mal ein bisschen in der Küche auf. Ich mache mir einen Tee und setze mich in die Sonne. Gleichzeitig überlege ich, was ich denn frühstücken könnte. Würde ich Oli fragen, wäre die Antwort Brot mit Ei.

brot-mit-ei

Frage ich mich selbst heißt die Antwort Gummibärchen mit Chips. Man muss dazu sagen, dass wir seitdem wir Tutti kennen auch Sheet-Days bei den Überfahrten eingeführt haben. Man darf zu jeder Zeit das essen und trinken (außer Alkohol, der ist bis der Anker unten liegt strengstens verboten) auf das man im Moment Lust hat. Aber ich glaube ich entscheide mich nun erst einmal für Reiswaffeln.

8.57 Uhr, jetzt sitze ich hier, lausche dem Wind und den Wellen und esse meine Reiswaffel. Mal sehen was der Tag heute so bringt. Es fühlt sich auf jeden Fall nach einem guten Start in den Morgen an. Und ich glaube Oli denk dasselbe.

Herrlich, ich habe noch einmal ein Stündchen geschlafen und jetzt hat die Welle Erbarmen mit uns. Sie wiegt uns ganz sanft empor und der Wind bläst angenehm mit 15 Knoten. Was will man mehr. Ich nutze den angenehmen Seegang für eine Dusche und halte mich endlich ohne Sprühregen für eine Weile draußen im Cockpit auf. Hier trocknen noch immer die pitsch patsch nassen Klamotten der bisherigen Reise, mal sehen ob sie es noch vor Ankunft schaffen trocken zu sein, oder ob sie direkt nass in die Waschmaschine hüpfen.

Es bleiben noch 164 Meilen von knapp 400. Na das ist doch schon mal gar nicht ganz schlecht. Auch wenn es derzeit mit 4 Knoten etwas gemütlicher vorangeht. Da wir gerne bei Tageslicht ankern möchten kommt das so ganz gut hin und wir belassen es bei der kleinen Fock, die uns mit 4 Knoten voranbringt. Außerdem weiß man nie was nachts passiert und wann der Wind wieder auffrischt. Und so ist das Segeln gerade wirklich entspannt.

Achja wo ist eigentlich Oli? Er schläft. Wer sich fragt, ob wir uns während der Reise auch unterhalten, ehrlich gesagt: Nicht so oft. Wir besprechen die Lage, machen Schichtübergabe, aber ansonsten bleibt nicht viel Zeit, da fast immer einer schläft. Oder man muss sich konzentrieren, dass man den richtigen Augenblick erwischt, um sich im Boot zu bewegen und nicht durch das gesamte Innere zu kugeln.

Ich weiß ja nicht, aber wohl muss es im Wellen Leben auch immer welche geben die dagegen schießen, wie in anderen Welten auch.

Diese Überfahrt ist es Oli der sich nicht zu 100% fit fühlt. Vielleicht ein bisschen seekrank, er weiß es nicht, da er es noch nie hatte. Aber auf jeden Fall nichts schlimmes, einfach ein bisschen ko und eine „Matsch-Birne“. Er möchte Spaghetti und so machen wir das auch. Heute kann ich komischerweise Nudeln essen, aber nur ohne Soße. Oli scheint es zu schmecken. Immer wenn ich aus dem Bett heraus schaue sehe ich ihn am Topf stehen. Er erklärt mir dann, dass er mal beim Gecko nach dem Rechten sehen muss. Aaajaaa.

Es ziehen langsam Wolken am Himmel auf. Die Berge sind kaum zu übersehen und teilweise erkennt man, dass auch einiges an Wasser darin stecken muss. Mal beobachten, was da noch so auf uns zukommt. Die Wolkenwand hat sich verzogen und Oli beschließt eine erfrischende Dusche zu nehmen. Ich spiele Ukulele und übe dazu zu singen.

ukulele

Und nebenbei noch eine Erkenntnis: Immer wenn wir den Kurs ändern ändert sich auch das Wohlbefinden. Manche Kurse verträgt der Magen offenbar besser, andere schlechter. Schade, dass man den Kurs nach dem Ziel und nicht nach dem Magen wählen kann.

Dann ist es jetzt auch schon wieder kurz vor 18.00 Uhr. Ich lege mich wohl noch eine Runde hin, da um 20.00 Uhr meine Schicht beginnt. Mittlerweile werde ich nämlich nicht mehr mit: Magst du aufstehen? Sondern mit: Aufstehen, deine Schicht beginnt. Das ist wohl meine eigene Schuld, da ich Oli erklärt habe, dass man, wenn man eine Frage stellt auch mit der Antwort leben muss, die man bekommt und meine Antwort war bisher grundsätzlich nein.

Da ich nicht schlafen kann sprechen wir noch über unsere Bucketliste fürs Leben. Was wir noch erleben möchten. Und dabei kommen wir darauf, dass wir ja schon ganz schön viel erleben durften. Aber dennoch spannend wer noch welche Vorstellungen vom Leben hat. Schön sich mal wieder neuen Träumen zu widmen.

traeume

Tatsächlich kam es wie befürchtet und schon stand er neben meinem Bett: Aufstehen, Schichtwechsel. 20.00 Uhr. Jetzt sitze ich am Kartentisch und beobachte den Dampfer der mit 10 Knoten an uns vorbeizieht. Nebenbei denke ich mir, was denn mit unserem Kurs passiert und höre schon, dass mein Segel einfällt. Schnell hüpfe ich zur Pinne, um den Kurs zu retten. Da muss Oli leider nochmal aus dem Bett heraus. Das Ruderblatt der Windfahne hat sich ausgehängt. Das muss wieder eingehängt werden.

Jetzt sitze ich hier im Cockpit unter dem weiten Sternenhimmel mit angenehmem Wind und kaum Welle. Ich höre Musik und wünschte diese Fahrt würde nie enden. Es ist interessant wie nah gefangen sein auf engem Raum in einem kleinen Boot in Mitten des großen Ozeans und gleichzeitig das große Gefühl der Freiheit zu spüren sich vereinen. Hinzu kommt, dass nach zwei Tagen auf See auch der Körper die Situation eingeordnet hat und die Nachtschichten einfacher von der Hand gehen.

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Die Windfahne macht ihre Arbeit perfekt und lässt Oli somit in Ruhe schlafen. Und zack schon ist wieder Schichtwechsel.

Montag, 10.01.2022

Und schon sitze ich wieder hier. Habe ich überhaupt geschlafen? Wohl ganze drei Stunden sagt die Uhr. Und das dieses Mal ohne aufzuwachen. Es gab wohl keine größeren Vorkommnisse. Mal sehen was mich in den nächsten 3 Stunden erwartet. Mittlerweile bin ich bei Helene Fischer angekommen und tanze durch das Boot, um nicht einzuschlafen.

Kurz hatte ich ja überlegt einen Kuchen zu backen, war dann aber doch zu faul. Außerdem erschien es mir zu stressig alle Schüsseln gleichzeitig festhalten zu müssen. So eben Helene.

Wir haben jetzt nur noch knapp über 100 Meilen vor uns. 4.49 Uhr, heute mal ganz pünktlich. Nachdem ich jetzt 3 Stunden Zeit hatte einen geeigneten Song zu finden entscheide ich mich gegen den Zillertaler Hochzeitsmarsch und für die Cantina Band und drehe mal etwas lauter, ist ja schließlich Schichtwechsel. Oli steigt grummelig aus dem Bett, mal sehen was er sich als Racheakt einfallen lässt, aber ich habe jetzt erst einmal 3 Stunden Freischicht.

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Ok, er hat sich mit Wasser gerächt. Wir segeln noch immer mit ca. 4 Knoten. Der Wind ist konstant. Wir entscheiden uns immer noch für das kleine Segel. So kommen wir perfekt zum Sonnenaufgang an und müssen nicht vor der Bucht die halbe Nacht warten, bis die Sonne aufgeht.

Jetzt frühstücke ich erst einmal und beobachte das Schiff auf meinem AIS das vor ein paar Minuten wie aus dem Nichts kam. Da er mit weniger als einer Meile Abstand immer weiter auf uns zukommt funkt Oli ihn an. Freundlich und zuvorkommend ändert er seinen Kurs um uns nun mit einem Abstand von etwas mehr als einer Meile zu passieren. Er fährt mächtig an uns vorbei.

11.00Uhr gerade möchte ich mich schlafen legen, da kommen Tropfen vom Himmel. Regen! Der Himmel war schon den ganzen Vormittag wolkenverhangen, aber dass wir Regen bekommen hätten wir nicht gedacht. Das haben wir schon seit unserem Besuch in Guatapé nicht mehr erlebt. Aber nach gut 5 Minuten mit ordentlichem Wind ist auch schon alles wieder vorüber. Ein kurzes Gastspiel.

Dann eben doch schlafen, bis Oli keine Lust mehr hat zu lesen und mich aus dem Bett wirft. Dann koche ich eben, Quinoa Salat, das wäre heute etwas. 12.55 Uhr es regnet! Juhu es regnet wieder! Ich mache einen Regentanz! Regen ist gigantisch toll! Und das Schiff freut sich auch über die Dusche.

Verrückt, wie wenn man einen Schalter umlegt. Wind an, Regen an, Wind aus Regen aus und wieder von vorn. Die Natur ist schon etwas Faszinierendes. Irgendwie ist mir heute langweilig, also backe ich eben doch einen Kuchen. Die Karotten fliegen durch die Küche und ich habe Mühe mich und die Zutaten festzuhalten. So wird das Backen zum Workout. Aber ich schaffe es und fühle mich plötzlich so krank. Schnell mal kurz die Augen schließen. Bis ich wieder aufstehe hat Oli schon genascht, scheint nicht verbrannt zu sein.

Jetzt sind es noch 50 Meilen und die Ankunftszeit scheint perfekt zu werden. Ich kann mal wieder nicht einschlafen und soll doch gleich Schicht machen. Diese 20.00 Uhr Schicht ist einfach nicht so mein Ding, aber angeln (dazu später mehr) kann man eben bei Sonnen Auf- und Untergang am besten, so bleibt mir diese Schicht. Gefühlt schlafe ich um 19.55 Uhr ein und um 20.00 Uhr werde ich geweckt. Ich bin müde, aber hilft ja nichts, noch eine Nacht ziehen wir jetzt durch.

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Es ereignet sich nichts, darum höre ich Musik. Oli schaut in seiner Schicht einen Film an, davon bekomme ich nichts mit. Mal wieder ein Tatort.

Dienstag, 11.01.2022

Und schon ist es 02.00 Uhr. Action. Oli ist mit dem Kurs etwas abgefallen und ich muss schauen, dass wir gut an den Riffen vorbei kommen. Also luve ich wieder an und schaue auf den Kompass und den Laptopbildschirm. Scheint alles ok zu sein. Ich habe Hunger. Ich bin müde. Wah. Ich sitze einfach da und schaue ein letztes Mal in den Sternenhimmel.

Am Horizont erscheint schon ein helles breites Lichtband, Land in Sicht!. Die letzten 16 Meilen laufen. Morgens um kurz vor 4.00 Uhr und 12 Meilen vor Ende darf ich jetzt auch noch einen Kampf ausfechten. Sandra und die Windfahne, oder Sandra und die Regenwolken. Diese können sich nämlich gerade nicht entscheiden, aus welcher Richtung sie Wind bringen sollen und ob es dabei viel wenig oder gar keiner sein soll. So wird meine Windfahne ganz verrückt und fährt zick zack, da der Wind andauernd seine Richtung ändert. Und ich gebe mein bestes, dass wir auf Kurs bleiben.

Vielleicht fällt so das wach bleiben leichter. Popey der Seemann tönt aus dem Radio, was kann es schöneres geben. Das Handysignal funktioniert schon mal wieder. Es kann nicht mehr weit sein.

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Auch hier spaltet sich jedes Mal die Gefühlswelt. Beim Antritt der Reise Freude, endlich wieder weg vom Land und den Menschen zu sein. Nur Wasser und Sterne um einen herum zu haben, frische Luft zu atmen und das Salz auf der Haut zu schmecken. Beim Ankunft an einem neuen Ort Vorfreude auf neue Erlebnisse, eine sichere Ankerbucht, gutes Essen und neue Menschen. Aber auch verrückt mit welchen Sinnen man einen Ort, in dem Menschen leben und an dem es Verkehrsmittel gibt wahrnehmen kann. Bevor man ihn sehen kann, kann man ihn meist riechen.

Sonnenaufgang. Wir folgen dem Fahrwasser und kommen sicher am Ankerplatz an. Rick wartet schon auf uns und zeigt uns einen optimalen Ankerplatz. Anschließend holt er uns zu einer schnellen Tasse Kaffee ab, um endlich den kleinen Riccardo kennen zu lernen.

Jetzt wird noch alles saubergemacht und weggeräumt, was uns auch noch einmal einiges an Energie kostet. Und dann machen wir uns ein Ankerbier auf, das haben wir uns verdient, prost!

ankern

Fazit

  • Der weite Sternenhimmel ist der Wahnsinn
  • Es ist schön, auf dem Meer zu sein
  • Die Natur macht was sie will, behalte stets den Respekt vor ihr
  • Wie wir den Regen vermisst haben
  • Endlich schlafen, so lange man möchte
  • Ein möglicher Grund, warum wir keinen Fisch gefangen haben:
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So sah die Angel während der gesamten Fahrt aus

Da ich bei dieser Überfahrt nicht sehr seekrank war habe ich mi den Spaß gemacht einmal aufzuschreiben, was ich denn alles in der Zeit, in der ich das Gefühl habe nichts zu tun, tue. Auch wenn viel Routine herrscht verlaufen die Tage ähnlich, aber doch anders.

Und am Ende weiß man außer schlafen und Schicht gehen nicht mehr viel. Jetzt ist es ein ganzer Roman geworden. Ich stelle euch diesen einfach mal zum Lesen zur Verfügung. So bekommt ihr einen Einblick von unsrem Überfahrts-Alltag und wie sich Situationen emotional täglich auch ändern.

2 Kommentare

  1. Hallo Sandra
    Deine detaillierten Tagebuchaufzeichnungen sind interessant. Ich finde Du hast damit, neben Deiner Reisebericht Erstattung, durch die permanente Konzentration auf das Schreiben auch ein probates Mittel gegen Seekrankheit für Dich entdeckt. In diesem Sinne „nichts für ungut“ und auf zu neuen Ufern!
    Herzlichst Günther

    • Hallo Günther,
      ich denke da hast du Recht, das mit der Seekrankheit war dieses Mal viel besser. Und ich wollte mal für mich wissen, was ich denn in dieses Zeit so mache, da ich meist das Gefühl habe gar nichts getan zu haben. Es ist schon eine verrückte Zeit auf See, so ganz anders eben. Dir einen schönen Tag! Viele Grüße Sandra

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